Sternstunden eines geliebten Lügnes



Eine sehenswerte Sonderausstellung im Wiener Bezirksmuseum Josefstadt ist der Geschichte von Europas ältester Fremdsprachenbühne gewidmet.

Als die junge New Yorker Schauspielerin Ruth Brinkmann 1959 im Rahmen einer Europareise einen dreitägigen Aufenthalt in Wien einplante, sollte dies für das kulturelle Leben in der österreichischen Bundeshauptstadt nachhaltige Auswirkungen haben. Gleich am Tag ihrer Ankunft erlebte sie eine Theatervorstellung von Schnitzlers "Das weite Land" mit Paula Wessely. "In einer Stadt, in der man so Theater spielt, da möcht’ ich bleiben", dachte sie sich nach der Vorstellung, wie sie später in einem Zeitungsinterview erklärte.

Kurz darauf lernte die weit gereiste Touristin im Café Hawelka in der Wiener Innenstadt den mittlerweile legendären Dichter H. C. Artmann kennen, der sie mit einem jungen Regieassistenten des Wiener Burgtheaters bekannt machte, dem sie rund ein Jahr danach das Jawort gab: Franz Schafranek.



Internationale Reputation

Schafranek hatte zuvor in Schweden bei Ingmar Bergman und in Berlin bei Bert Brecht Erfahrungen als Regieassistent gesammelt. Ruth Brinkmann war fest entschlossen, ihre Schauspiel-Karriere fortzusetzen. Da sie es sich nicht zutraute, gut genug Deutsch zu lernen, um in dieser Sprache auf der Bühne zu reüssieren und weil Franz Schafranek nicht auswandern wollte, kamen sie auf die Idee, ein englischsprachiges Theater in Wien zu gründen.

Im Jahr 1963 brachten sie mit Jerome Kiltys "Dear Liar" (Geliebter Lügner) die erste Produktion auf die Bühne. Mit Ruth Brinkmanns "Dear Liar"-Partner Anthony Steel war ein zugkräftiger Name vorhanden. Alles klappte bestens, und in weiterer Folge strömten nicht nur englischsprachige Wien-Touristen, sondern vermehrt auch Wiener in die Vorstellungen.

Freilich war die erste Zeit kein Honiglecken gewesen. Anfangs verteilte Franz Schafranek, der Regisseur, tagsüber kopierte Zettel und saß abends höchstpersönlich an der Kassa. Aber die harte Arbeit lohnte sich, denn die künstlerische Professionalität brachte zusehends nicht nur im Land selbst, sondern auch international hohe Anerkennung.

Ab 1974 fand Vienna’s English Theatre eine fixe Spielstätte in der Josefsgasse in der Josefstadt. Es gelang, zahlreiche Stars zu verpflichten, darunter Joan Fontaine, Anthony Quinn, Leslie Nielsen, Linda Gray, Larry Hagman und Gracia Patricia von Monaco. Peter Wyngarde alias "Jason King" wirkte 1977 bei "Dear Liar" mit.

Auch die "Schooltours", die aktuell alljährlich Hunderte Aufführungen zu 250.000 Schülern in ganz Österreich bringen, trugen dazu bei, dass das Theater eine österreichische "Institution" wurde. Mittlerweile wird es mit großem Erfolg von Julia Schafranek, der Tochter der beiden Gründer, geleitet.

Von Johann Werfring

Print-Artikel erschienen am 20. März 2014 in der Kolumne "Museumsstücke" In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7


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