CLOSER

by Patrick Marber
9 April – 12 May 2018
 
 

KURIER


Zwei Paare im Beziehungskuddelmuddel
aus Sex, Gier, Verzweiflung und Lügen

Sex macht Spaß. Und der Betrug verspricht raschen Lustgewinn. Betrogen werden führt hingegen in der Direttissima in die Verzweiflung und zur Erkenntnis: Mann und Frau sind im wechselseitigen Nichtverstehen eben doch nur arme Schweine… Einen modernen Beziehungsreigen mit geschliffenen, freizügigen Ping-Pong- Dialogen, und atemberaubend intensiv gespielte Szenen bietet der Broadway-Erfolg “Closer” (“Hautnah”) von Patrick Marber im Vienna‘s English Theatre (bis 12. 5.), 1997 in London uraufgeführt, für den Tony Award als bestes Theater stück nominiert und 2004 von Mike Nichols u.a. mit Julia Roberts und Jude Law verfilmt.

“Closer”, von Emma Lucia Hands temporeich Inszeniert, spielt als boulevardeskes Beziehungstohuwabohu zweier Paare in einer von modernen Medien und Internet-Chatting (“London fickt”) beherrschten Welt der Egomanen. Enorme Bühnenpräsenz im Strudel aus Sex, Gier, Verzweiflung und Lügen zeigen Amanda Victoria Vilanova als naiv-laszive Stripperin Alice und Claire Cordier als Fotografin Anna neben Daniel Llewelyn-Williams, dem selbstverliebten, zynischen Arzt Larry und Michael Edwards, dem verhinderten Schriftsteller und Nachrufautor Dan. Was da beim gegenseitiges Betrügen und Begehren, Trennen und Zusammenkommen und bei der obsessiven wie absurden Frage nach dem Warum – also nach der Wahrheit – wirklich hautnah, ausdrucksstark und vor allem sprachlich drastisch abläuft, ist nichts für allzu Zartbesaitete. Da wird die Liebe bar jeder Romantik als gnadenloser Kampfund als Kräftespiel von gegenseitiger Anziehung und Abstoßung schonungslos demaskiert.

KURIER-Wertung:****

Werner Rosenberger
12.04.2018
 

Wiener Zeitung


Es gibt Dramen, deren Figuren einem nie sympathisch werden, für die man aber durchaus Mitleid empfindet, weil sie offenbar nicht aus ihrer Haut heraus können. Und es gibt Stücke, die einige Zeit nach einer populären Verfilmung wieder auf die Bühne zurückkehren. In beide Kategorien gehört Patrick Marbers 1997 uraufgeführtes Werk “Closer” (“Hautnah”), das den Autor schlagartig berühmt machte. Nun wird das nicht gerade prüde Stück dem eher konservativen Publikum des Vienna’s English Theatre vorgesetzt.

Es geht um vier Personen – die Stripperin Alice (ihren wahren Namen erfährt man erst später), die Fotografin Anna, den Journalisten Dan und den Arzt Larry. Hinter den Beziehungen, die zwischen ihnen entstehen, erkennt man kaum tiefe Gefühle, sondern – vor allem seitens der narzisstisch wirkenden Männer – eher sexuelle Obsessionen. “Sie lieben ihre Träume, nicht uns”, sagt Anna zu Alice. Die Qualitäten des Stückes beruhen nicht nur darauf, dass es den Zeitgeist trifft – etwa mit einem schlüpfrigen Internet-Chat und einer Lapdance-Szene -, sondern auch zeitlose Themen anspricht: Begierde, Eifersucht, Untreue, Rache. Je näher die Figuren einander kommen, desto mehr scheinen sie sich zugleich von einander zu entfernen.

Regisseurin Emma Lucia Hands serviert “Closer” nicht so schrill, wie es möglich wäre, sondern relativ dezent. Mit dem Sprechtempo und dem Wortschatz tun sich Nicht-Native-Speaker aber eher schwer. Die vier Rollen sind mit Amanda Victoria Vilanova (Alice), Michael Edwards (Dan), Daniel Llewelyn-Williams (Larry) und Claire Cordier (Anna) gleichwertig gut besetzt.

Heiner Boberski
11.04.2018