Graham Greene’s

TRAVELS WITH MY AUNT

adapted for the stage by Giles Havergal
8 Sept - 23 Oct 2021
 
 

Der Online Merker


Graham Greene hat wahrlich nicht nur „fromme“ Romane geschrieben, obwohl er durch dieses Genre am berühmtesten geworden ist. Aber eines seiner gelungensten Werke ist die unwiderstehlich fröhliche Geschichte „Reisen mit meiner Tante“, die 1969 herauskam.

Darin wird ein typisch stocksteifer Engländer von seiner überbordend lebenslustigen Tante in einen Strudel von skurrilen Ereignissen hinein gezogen und passt sich am Ende ihrer herrlich unkorrekten Lebenseinstellung an.

Dass man dergleichen dramatisieren könnte, zumal es eine Überfülle an Nebenfiguren gibt, hätte man wohl nicht für möglich gehalten – wäre man von Giles Havergal nicht eines Besseren belehrt worden. Sein Trick bestand darin, die Geschichte nicht realistisch auf die Bühne bringen zu wollen, sondern gewissermaßen „mit verteilten Rollen“ von vier Schauspielern erzählen zu lassen. Aber der durchaus witzig pointierte Text an sich wäre zu wenig – da ist das Theater mit allem, was es kann (Regie, Darsteller, Raum), hochgradig gefordert.

Vienna’s English Theatre bietet hier in der Inszenierung von Philip Dart, in einem luftigen, schnell zu verwandelnden, an sich schon komischen Bühnenbild von Ken Harrison, unterstützt von einem Movement Director (Lawrence Evans) den man hier wirklich braucht, ein kleines Meisterstück – choreographierter Slapstick-Humor, dargeboten von vier Herren, wie sie besser nicht sein könnten.

Im Grunde spielt jeder irgendwann einmal den Henry Pulling und seine Tante Augusta, weil sie blitzschnell die Rollen wechseln, wenn sie sich die Pointen punktgenau und mit der Geschwindigkeit von Artisten zuwerfen. Aber dennoch hat fast jeder darüber hinaus irgendwelche dominierenden Rollen zu verkörpern.

Am meisten „Henry“ ist Anthony Glennon, klein, wendig und auch köstlich, wenn er die zarte Seele spielt, die so lange vergeblich auf Henrys Heiratsantrag gewartet hat. Aber er liefert auch eine brillante Episode als Spanier (auf Spanisch), der aus den Händen das Schicksal liest, und gegen Ende als Tante Augustas halbseidener, nach Südamerika abgetauchter Liebhaber Mr. Visconti (von dem man versichert, so schlimm wie Mengele und Eichmann sei er nicht…)
Am meisten „Tante Augusta“ ist Chris Polick, der die Selbstverständlichkeit ihrer absolut unangepassten Persönlichkeit ironisch und mit unwiderstehlich guter Laune serviert.

Alex Scott Fairley hat neben vielen anderen Rollen noch eine alte Junfger, die Henry am Grab seines Vaters findet, und einen undurchsichtigen amerikanischen Agenten zu spielen.

Und Spencer Lee Osborne ist der Drogenhändler, der Tante Augusta heiß liebt, aber er zwitschert auch junge Mädchen, ob abgefeimt oder echt schüchtern, einfach hinreißend.

Alle haben nicht nur den Vorzug exakten Timings, ohne das es hier nicht geht, sondern auch einer präzisen Sprache, die es auch dem nicht „native speaker“ ermöglicht, ihrem Pointenfeuerwerk mühelos zu folgen. Welch ein Vergnügen!

10.09.2021
Renate Wagner
 
 

Xtra


VIENNA’S ENGLISH THEATRETRAVELS WITH MY AUNT

Bei der Premierenfeier erinnerte Julia Schafranek als Prinzipalin daran, dass die nun die Season 2021/22 eröffnende Produktion „Travels with my aunt“ eigentlich eine Übernahme aus der vorangegangenen Saison ist, gab es doch am 2. November 2020 noch die planmäßige Voraufführung – am Folgetag begann dann aber der Lockdown mit seinen Einschränkungen!

Graham Greene (1904 bis 1991) ist nicht nur „Der dritte Mann“-Autor, mit seinem Roman „Die Reisen mit meiner Tante“ zeigte er auch seine subversiv-heitere Seite. Henry Pulling, vorzeitig pensionierter Banker mit Faible für Dahlienzucht, lernt auf dem Begräbnis seiner Mutter eine ältere Dame kennen, die sich ihm als Tante Augusta vorstellt – und von der er bisher nichts wusste. Diese Bekanntschaft verändert sein Leben völlig, denn Augusta lädt ihn ein, mit ihr zu reisen. Entlang der Stationen von London über Paris und Istanbul nach Asunción im fernen Paraguay findet er immer mehr Freude an einer für ihn neuen – riskanten – Lebensführung, die ihm zuvor wohl Angst gemacht hätte.

Die üppige Handlung mit ihrer Vielzahl von Charakteren ist zwar denkbar ungeeignet für eine Dramatisierung, dank des Kunstgriffs von Giles Havergal, sie von vier Herren (in zahlreichen Rollen) erzählen zu lassen, funktioniert aber alles perfekt – Regisseur Philip Dart wird für dieses Quartett zum Reiseleiter! Chris Polick, Anthony Glennon, Alex Scott Fairley und Spencer Lee Osborne – stets gleich gekleidet (in Europa korrekt-mausgrau, in Südamerika in hellen Dinner-Jackets) – spielen alle zwar den erstaunten Henry, haben aber, davon abgesehen, weitere persönliche Höhepunkte: Polick ist (auch im Herrenanzug und mit Schnurrbart) die perfekte Tante, ihrem Neffe Henry wird am besten von Anthony Glennon entsprochen, Fairley punktet vor allem als O‘Toole und Osborne ist als Augustas treuester Fan herzerwärmend. Wie immer, bietet die Ausstattung von Ken Harrison den idealen Rahmen fürs weitläufige Geschehen. Feines Englisch ergänzt die Freude am Besuch – noch bis 23. Oktober (Details dazu unter www.englishtheatre.at).

Robert Waloch
11.10.2021