Europapremiere

LIFE AFTER GEORGE

Das australische Erfolgsstück
von Hannie Rayson
09 Sep - 20 Okt 2004
 
 

Die Presse


Grabreden für den lebenslüsternen Professor

“Life After George” war in Australien ein Hit. In “Vienna’s English Theatre” ist das nicht ganz nachzuvollziehen.

Peter George (Tim Hardy) ist tot. Der Überflieger ist abgestürzt, mit einer Cesna. Nun trauern die drei Witwen des Professors, die Malerin Beatrix George (Jan Waters), die Professorin Lindsay Graham (Karen Archer) und die letzte Angetraute, Poppy Santini (Victoria Duarri). Auch die Tochter Ana (Rosalind Blessed) versucht ihre Beziehung zu einem Mann zu bewältigen, der das Establishment bekämpfen will, obwohl er längst Teil von ihm ist. Das hat Autorin Hannie Rayson recht geschickt herausgearbeitet. In zweieinhalb Stunden wird in Rückblenden ein komplexes Beziehungsgeflecht ausgespielt. Wir erfahren nicht nur von den Träumen der Menschen, die in den Sechziger Jahren jung waren, und die spätestens in den Yuppie-Jahren von der Realität eingeholt wurden, sondern auch vom Klimawandel an einer australischen Universität.

Dieses Epos in “Down under” aber ist für europäische Betrachter ein wenig gewöhnungsbedürftig. Sind sie wirklich so gnadenlos redselig, die Australier? Es entwickelt sich kaum Spannung, stattdessen gibt es ein Aneinander-Vorbeisprechen wie bei Harold Pinter (der aber bleibt dabei spannend). In langen Monologen wird Schicht für Schicht abgetragen, wird George als ein eitler, rücksichtsloser Mann enthüllt, der aber in den Augen der ihn Liebenden trotzdem liebenswürdig erscheint. Sein Motto lautet offenbar “anything goes”, sein Drama besteht im Nachsatz: “But you can’t fuck them all.” Alle mögen ihn, auch sein Kollege Alan Duffy (Colin Starkey), der sich vorwiegend als Witwen- und Waisentröster betätigt.

Regisseur John Going hätte es wagen können, das Kammerspiel um ein Drittel zu kürzen. Exzellente Leistungen boten Archer und Waters, Blessed zeigte viel Talent, aber Hardy als freundlicher Geist des George konnte nicht so ganz überzeugen.

norb
 

Wiener Zeitung


“Life After George” im Vienna’s English Theatre . .

Von Frauen und Eierkuchen

Friede und Freude propagiert Hannie Rayson in “Life After George”. Dass ihr moralisierendes Stück trotz schwieriger szenischer Vorgaben und Verwicklungen nicht abstürzte, dafür sorgte in Wien das Ensemble im English Theatre.

George ist tot. Sein bester Freund, seine Tochter, seine Frau sowie seine zwei Ex-Frauen finden sich zum Begräbnis ein. In zahlreichen Rückblenden und Rückblenden der Rückblenden wird das Leben eines Mannes erzählt, der wie ein egozentrischer Dinosaurier der 70er-Jahre wirkt. Sexbesessen und voll gepumpt mit polemischer Rhetorik sowie unverrückbare Ideologien will er sich für eine bessere Welt einsetzen.

George versucht auch seine Frauen von den Visionen zu überzeugen. Jedoch kann sich die erste, Beatrix, dafür nicht erwärmen. Daher setzt sich die konservative Frau zum Malen in die Toskana ab. Die zweite, Lindsay, schlägt ihn alsbald mit seinen eigenen rhetorisch-ideologischen Waffen, entpuppt sich aber als reine Rhetorikerin, die ihre Ideologien verkauft. Einzig Poppi seine letzte Frau scheint ihm das Verständnis entgegengebracht zu haben, das er brauchte. Der Reigen ist der Tochter zu viel. Sie versinkt in Selbstmitleid und entwickelt sich zu einer Verliererin.

[…]

Die unzähligen Rückblenden werden sowohl szenisch als auch schauspielerisch tadellos umgesetzt. Vor allem Karen Archer, als Lindsay, und Rosalind Blessed, als quengelnde Tochter Ana, überzeugen mit ihrer Ausdruckskraft und Wandlungsfähigkeit. Aber auch der Rest des Ensembles bietet eine solide Vorstellung.

Am Ende des Stücks ist George wieder da – als Geist. Er redet seiner Tochter ins Gewissen und löst ihre ewigen Depressionen. Beflügelt tritt sie in ihres Vaters Fußstapfen und führt das Publikum voller Elan in ein schales, moralisierendes Ende, in dem sie eine bessere Welt fordert.

Alexander Mathé