Time Stands Still

Ein Drama von Donald Margulies
30 Jän – 10 März 2012
 
 

DIE PRESSE


Vienna’s English Theatre: “Time Stands Still” von Donald Margulies: ein zügig inszeniertes Beziehungsdrama im Milieu heimgekehrter verletzter Kriegsreporter.

Ein elegantes Loft in Brooklyn: Der Reporter James (Howard Nightingall) trägt seine Lebensgefährtin Sarah (Shannon Koob) über die Schwelle. Sie hat Schmerzen. Bei ihrem Einsatz als Fotoreporterin im Irak wurde sie durch eine Bombe schwer verletzt. Sie lag Wochen im künstlichen Koma. Nun, daheim, richten sich die beiden auf Normalität ein. James muss verkraften, dass er Sarah im Stich gelassen hat. Er war zuvor zurückgeflogen, weil er, ebenfalls nach einem Anschlag, einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte.

Die Beziehungsarbeit beginnt. Ein gemeinsamer Freund, Sarahs Ex, kommt vorbei. Dieser Richard (Dave Moskin) ist Fotoredakteur, er hat eine neue, viel jüngere Partnerin. Mandy (Carrie Getman) ist der naive Kontrast zu einem zynischen Trio. An ihr entwickelt sich der Witz dieses gut zweistündigen Kammerspiels, das von Martin Platt flott und sicher in den Pointen inszeniert wird. Denn das Quartett verarbeitet nicht nur den Schrecken des Krieges, sondern wälzt ganz intime, bürgerliche Pläne. Mandy ist schwanger und wird Richard heiraten. Da lassen sich auch das Langzeitpaar Sarah und James zum Versuch hinreißen, in der Ehe das Glück zu suchen.

Donald Margulies zeigt in zwei Akten drei knappe Ausschnitte der Entwicklung dieser Beziehung, die durch eine harte Prüfung ging. Den Winter des Unglücks, den Frühling des Neubeginns vier Monate später und die Phase nach den Hochzeiten, wieder vier Monate später. In insgesamt sieben Szenen zeichnet der Autor geschickt, mit wenigen Sätzen, in knappen, lakonischen, oft auch ironischen Dialogen diese sehr unterschiedlichen Charaktere. Die Darsteller überzeugen, weil sie eben nicht puren Zynismus, pure Naivität repräsentieren, sondern gelegentlich auch Güte, verzweifelte Suche nach Glück –und Einsicht.

Die dankbarste Rolle hat Koob als Frau, die Verletzungen durch den immer neuen Kick von Gefahr zu überdecken sucht. Sarah ist dominant, doch die stärkeren Anfälle von Aggression zeigt ihr Partner, und auch das scheint schlüssig zu sein. Ein Loft im Winter, im Frühling, im Sommer, für ein Duo, Trio, Quartett, das redet, trinkt, streitet, sich versöhnt. Rein äußerlich scheint sich nichts verändert zu haben, aber nichts wird gleich bleiben nach dem Horror des Krieges, das ist gewiss. Bis 10. März

NORBERT MAYER
05.02.2012
 

KURIER


Von verletzten Seelen

Witzig pointiert: „Time Stands Still“ von Donald Margulies, Vienna’s English Theatre

Von den Wunden des Krieges erzählt das 2010 für den Tony Award nominierte Beziehungsdrama “Time Stands Still” des Pulitzerpreisträgers Donald Margulies in der Regie von Martin Platt. Und von Menschen, die nach ihrem Platz im Leben suchen. Die abgebrühte Fotojournalistin Sarah (Shannon Koob) kehrt aus dem Irak schwer verletzt mit ihrem Lebenspartner James (Howard Nightingall) nach New York zurück. Er – nach Einsätzen als Auslandskorrespondent traumatisiert – will Sarah heiraten und ein ruhigeres Leben führen. Sie will wieder an die Front. (…) Zwei Zyniker treffen auf das wuchtbrummige und naiv-gutmütige Tralala-Girlie Mandy (Carrie Getman) und ihren Freund Richard (Dave Moskin). Und plötzlich stellt sich die Frage nach Moral und Widerspruch der Kriegsberichterstattung, Fotojournalismus und Voyeurismus, nach der Ausbeutung des Leidens anderer Menschen. Das vermeintliche Schicki-Micki-Dummchen Mandy fragt nach Rolle und Selbstverständnis der Fotografin, die – von der eigenen Wichtigkeit überzeugt – das Elend festhält, aber als Zeugin der Katastrophen nicht wirklich helfend eingreift, um schließlich zu bekennen: „Ich lebe vom Leiden Fremder.“

Ein ebenso intensiver wie komischer Abend!

Werner Rosenberger
03.02.2012
 

WIENER ZEITUNG


Ein Schuss ins eigene Herz

Ein Kriegsschauplatz irgendwo auf der Welt: Zerstörung, Elend, Leid – Sarah Goodwin ist dabei, zielt und schießt. Soeben schwerstverletzt von einem Auftrag im Irak zurückgekehrt, ist die Fotoreporterin in ihrer Mobilität eingeschränkt. Zeit für das rastlose Wesen, sich mit Lebensgefährten James und Langzeitfreund sowie Verleger Richard auseinanderzusetzen. James, der als Auslandsreporter mit Sarah im Irak war, musste nach einem Nervenzusammenbruch frühzeitig abreisen. Nun sehnt er sich nach Ruhe und Familie.

“Time Stands Still” ist ein Stück mit feiner psychologischer Klinge von Pulitzerpreisträger Donald Margulies. James tut alles, um Sarah möglichst ruhig und von ihrer Arbeit fern zu halten, wohl wissend, dass diese seinem Wunsch nach Heirat, Familie und ruhiger Welt entgegensteht. Anfänglich hat James noch ein schlechtes Gewissen, weil er durch seine frühzeitige Abreise Sarah im Stich gelassen hat. Später wandelt sich dies zu einem Vorwurf: Sarah habe im Gegenteil ihn im Stich gelassen, weil sie nicht mit ihm abgereist ist.

Richard und seine neue Freundin – mit außerordentlich einfachem Gemüt – führt Sarah das normale Leben vor Augen und lässt sie erkennen, dass dies für sie nicht mehr zu erreichen ist. Sie hält die Momente des Schreckens mit ihrer Kamera fest und damit gleichzeitig auf Distanz: “Ich beobachte die Welt, ich greife nicht in sie ein.” Und so hält sie denn am Ende des Stücks auch ihr eigenes Unglück fotografisch fest.

Ein fantastisches Werk von durchwegs überzeugenden Mimen präsentiert.

Alexander U. Mathé
15.02.2012
 

DER NEUE MERKER


Wenn die Deutschen neue Stücke schreiben, sorgen sie mit Sicherheit dafür, dass dem Publikum der Kopf bei der Überlegung raucht, was denn damit gemeint sei – und wie peinlich dumm man doch ist, dass man hier nicht mitkommt (was natürlich niemand zugeben will). Wenn Briten oder Amerikaner ein Stück schreiben, tun sie es für hier und heute. Man sucht sich ein Thema, das aktuell ist, das ein Publikum interessiert und beschäftigt, und bereitet es so auf, dass man weiß, worum es geht, und dass man am Ende auch noch über das Gebotene nachdenken kann, wie ein vernünftiger Mensch es eben tut. Das System hat seine Vorteile, ganz ohne Zweifel, wenn es auch natürlich nicht das allein seligmachende ist.

Vienna’s English Theatre spielt nun das jüngste Werk des Amerikaners Donald Margulies (Jahrgang 1954), das 2009 herauskam und für den Tony Award nominiert wurde. Die deutschsprachige Erstaufführung fand in Hamburg statt, und die für Theater ungemein praktikable Grundsituation – eine Zimmerdekoration, vier Darsteller – ließ die Kritiker an Yasmina Reza denken. Aber Margulies ist weniger bissig und auch weniger humorvoll: Er hat gleich ein paar schwergewichtige Themen, und er handelt sie geradezu nachdenklich ab.

Dabei hat man als Zuschauer anfangs etwas Mühe, in die Sache einzusteigen: Wenn Sarah und James in ihre gemeinsame Wohnung kommen, sie mit einem kaputten Bein und sehr vielen Narben, geht es ziemlich lange Zeit darum, dass sie sich diese Blessuren bei ihrem Job als Fotografin im nahöstlichen Kriegsgebiet zugezogen hat. Ihr Gefährte ist Kriegsberichterstatter, die beiden sind also offensichtlich das ideale intellektuelle Paar im adrenalinträchtigen chicen Beruf, immer den Tod vor Augen, aber mit der großen Aufgabe, der Menschheit ihrerseits die Augen über das Elend anderswo zu öffnen…

So ist es – ist es so? Ein Teil der Handlung besteht darin, dass der Autor den angeberischen Idealismus dieses Berufs kritisch und zunehmend härter hinterfragt. Vor allem, als James angesichts der Todesgefahr, in der Sarah geschwebt hat, nach und nach keine Lust mehr verspürt, wieder in die Kriegsgebiete zu gehen. Zumal sich die angebliche Sinnhaftigkeit dieses Tuns zumindest bei Sarah als die Abenteuerlust eines Adrenalinjunkies herausstellt, die zu einem „normalen“ Leben gar nicht fähig ist…

Dieses „normale“ Leben führt Richard, Redakteur und Verleger und Freund der beiden, vor, als er plötzlich mit Mandy auftaucht, die den Intellektuellen zuerst als das wahre Dummchen erscheinen muss. Aber nach und nach behauptet sich der alternative Lebensentwurf, eine Familie zu haben, für einander da zu sein, dem Egoismus den Altruismus entgegenzusetzen, die berufliche „Selbstverwirklichung“ vielleicht nicht so übermäßig hoch zu schätzen: Warum solle sie in den Beruf zurückgehen, meint Mandy, ihr Baby im Arm, was habe sie denn schon so Wichtiges getan, was, das wichtiger sei, als dieses Kind aufzuziehen?

Nun, am Ende macht jeder es auf seine Weise, und wenn Margulies auch nicht predigt, wenn er sicherlich nicht jede Frau in die Küche zurückschicken will (wie Feministinnen vielleicht aufjaulen wollen), so bleibt doch klar, wo seine Sympathien liegen – bei Richard und Mandy einerseits, bei James andererseits, der anderswo eine menschliche Beziehung sucht. Sarah hingegen macht noch, als er geht, ein Foto von ihm – bevor sie zum nächsten Kriegsschauplatz aufbricht.

Zu simpel? Vielleicht. Aber ein starkes Thema, in vielen Aspekten aufbereitet und zur weiteren Behandlung in den Köpfen der Theaterbesucher hingestellt. In Vienna’s English Theatre unter der Regie von Martin Platt sehr schön gespielt, am überzeugendsten von Mandy in Gestalt von Carrie Getman: So schön und klug, wie sie sich entwickelt, geniert man sich am Ende fast, dass man zu Beginn geneigt war, gemeinsam mit Sarah auf sie herabzusehen…

Die Männer, Howard Nightingall als James und Dave Moskin als Richard, kennt man in diesem Haus, sie sind stark und überzeugend und letztlich sympathisch, während Shannon Koob als Sarah den schwarzen Peter gezogen hat: Sie ist es, mit der der Autor abrechnet, wobei er spekulative Kriegsberichterstattung (unter verlogenen Vorwänden) ebenso wenig leiden kann wie Leute, die das Unglück der anderen (unter ebenso verlogenen Vorwänden) ausschlachten… Shannon Koob vertritt ihren Standpunkt: Dass sie verliert, ist beabsichtigt.

Nach der länglichen Anlaufzeit wird die Geschichte wirklich spannend. Man könnte einen Schulaufsatz darüber schreiben. Ein gelungenes Theaterstück macht allen mehr Vergnügen.

Renate Wagner
02.02.2012