GROUPIE

von Arnold Wesker
18 Jän – 20 Feb 2016
 
 

Die Presse


English Theatre: “Groupie”, ein Abend für die einsamen Herzen

„Groupie“ von Arnold Wesker in Vienna’s English Theatre über die Liebe in späten Jahren erfreut mit lebendigem Spiel.

„Du bist nicht mein Typ!“ „Und du nicht meiner!“ Die zwei, die sich hier trotzig und nicht ohne Mühe voneinander abstoßen, klingen wie 17jährige, sind aber weit über 50. Matty, geschieden, glückliche Großmutter, liest die Biografie des berühmten Malers Mark – und ist gerührt von seinen Kindheitserinnerungen. Die beiden sind in der gleichen Gegend aufgewachsen. Matty schreibt Mark einen enthusiastischen Brief, doch der ist ein frustrierter Künstler mit sehr vielen Ecken und Kanten.

„Groupie“ von Arnold Wesker, der in frühen Jahren großen Erfolg hatte, und später ins Abseits geriet, ist auch autobiografisch. Dass die Kontrahenten, wie es im Text heißt, „ein leichtes Cockney aus der Vergangenheit“ sprechen, macht das Verständnis nicht immer leicht, vor allem bei ihm. Aber viele Pointen zünden, die Dialoge sind im Sinne bester britischer „Poetry“, das Wort bedeutet mehr als Dichtkunst, köstlich, schlagfertig und geschliffen.

Immer wieder wechseln Matty und Mark in ihrer turbulenten Annäherung aneinander mehr oder weniger lange Briefe. Sie erinnern daran, dass Schreiben immer schon ein bewährtes Mittel der Bühnen-Kommunikation war. Man denke an „Dear Liar“ von Jerome Kilty, mit diesem Stück wurde 1963 Vienna’s English Theatre eröffnet, an „Love Letters“ von A. R. Gurney, ebenfalls ein Schlager in der Josefsgasse, oder an die Briefe von Tschechow und seiner Frau Olga Knipper. Den jüngsten Hit mit Zwiegesprächen landete Daniel Glattauer mit seinen Mail-Bestsellern über Leo und Emmi („Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“). Damit wären wir bei der Problematik von „Groupie“, das zum Unterschied von Glattauers Dialog-Gefechten in der Rollenverteilung altertümlich wirkt: Matty ist die herzliche, liebe Dame, ein Dummchen, das Mark über „Richard III.“ belehrt. „Der Bucklige, der die Prinzen im Tower ermorden ließ!“, ruft sie. „Falsch! Vertrau niemals Shakespeare!“, erwidert er.

Schlagfertige Dialoge, prächtige Typen

Sie bekocht ihn, er zieht sich zurück, will immer wieder flüchten, aber sie lässt ihn nicht aus und will ihn umsorgen. Man könnte sich vorstellen, dass dieses Stück mit einer älteren Dame und einem jungen Mann oder einer jungen Dame und einem alten Mann – sie nimmt Reißaus vor seinen Kapriolen – unkonventioneller wäre.

Großartig sind die Dialoge einstudiert (Regie: Andrew Hall) und ebenso großartig sind die beiden Akteure, Anne Kavanagh und Brian Deacon, die diesem Abend für einsame Herzen die goldrichtige bitter-süße Emotion geben. Was ist da passiert, dass sich die Bühnenkunst so oft von den großen Gefühlen fernhält, die doch der Treibstoff des Theaters sind, fast möchte man sagen, ein Teil seiner spirituellen und therapeutischen Qualität?

Wer nach längerer Zeit wieder einmal einen Abstecher in „Vienna’s English Theatre“ macht, wird feststellen, dass hier noch immer alles ist wie früher, nicht einmal das elegante Publikum scheint viel älter geworden zu sein. Ein angenehmer Abend mit einer Prise Duft aus der großen weiten angelsächsischen Welt sorgt hier meist verlässlich für gute Stimmung.

Barbara Petsch
21.01.2016