DEAR LIAR

adapted by Jerome Kilty from the correspondence of Bernard Shaw and Mrs Patrick Campbell
9 Sept – 19 Oct 2013
 
 

KURIER


Vegetarier und Femme fatale im reizvollen Kleinkrieg

Kritik: Saisoneröffnung in Vienna’s English Theatre – und zugleich 50-Jahr- Jubiläum mit einem humorvollen Bühnendialog: “Dear Liar”.

Es war einmal … So beginnen die schönsten Geschichten. Und mit „Dear Liar“ begann 1963 die Erfolgsgeschichte von Vienna’s English Theatre. Unter der Regie des Gründers Franz Schafranek verkörperte seine Frau Ruth Brinkmann damals die Rolle der Stella Campbell.

Jerome Kilty hat den jahrzehntelangen Briefwechsel zwischen dem Dramatiker George Bernard Shaw und der Schauspielerin Beatrice Stella Campbell zu einer bezaubernden Komödie montiert. Ebenso bezaubernd ist die Idee, die spritzige Collage aus echten Briefzitaten, Kommentaren, die direkt ans Publikum gerichtet sind, und Szenen aus einigen Bühnenwerken, zum 50-Jahr-Jubiläum in der Regie von Tom Littler erneut auf die Bühne zu bringen. Und man fragt sich: Was war wirklich zwischen Shaw und Campbell? Man weiß es nicht genau. Beide waren verheiratet, aber nicht miteinander …

Moir Leslie und Richard Derrington beherrschen als Bühnenpaar in den besten Jahren das humorige Spiel mit offener und versteckter Ironie und tieferer Bedeutung.

Er: der eingefleischte Vegetarier und knorrig-sarkastische Autor. Sie: die fleischessende Femme fatale. Sie umgarnen einander und sind sich sehr ähnlich in ihrer Kratzbürstigkeit im merkwürdigen Kleinkrieg der wechselseitigen Zuneigung.

Beide kommen sich in charmanten Flirts näher und suchen dann doch wieder die Distanz. Wie sie bei der Probe zu Pygmalion als knapp 50-Jährige die 17-jährige Eliza Doolittle spielen soll, inklusive der berühmten Phonetikübungen, hat Witz. Und auch sonst: Ein vielversprechender Auftakt für die nächsten 50 Jahre!

KURIER-Wertung: **** von *****
 

Die Presse


George B. Shaws briefliche Romanze mit Mrs. Campbell

In Vienna’s English Theatre gibt es zum 50. Jubiläum jenes Stück, das man schon 1963 spielte: „Dear Liar“ von Jerome Kilty.

Kerzenleuchter umrahmen die kleine Bühne des Englischen Theaters in der Josefsgasse, links ein Schreibtisch, rechts ein Tisch mit Schreibpult, im Hintergrund ein großer Monitor in altem Bilderrahmen für die Anweisungen. Diese Szenerie reicht zwei exzellenten Schauspielern, um in zwei Stunden geistvolle Kopfarbeit zu zeigen, die ein wenig aus der Zeit gefallen scheint. Es wird geworben, geschmeichelt, geschmollt und sogar gestritten, immer aber formvollendet, denn die Zweierbeziehung, wiewohl heftig, besteht bloß auf Papier.

Unter der Regie von Tom Littler spielen Moir Leslie und Richard Derrington in „Dear Liar“ eine briefliche Affäre. George Bernard Shaw, ein Gigant der Bühne in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, führte ab 1899 Korrespondenz mit der vor 100 Jahren berühmten Schauspielerin Beatrice Stella Campbell, die er, weil sie verheiratet war, mit Mrs. Patrick Campbell titulierte. Die Briefe hat Jerome Kilty dramatisiert.

Es geht im Dialog um die Liebe, den Krieg, um Eitelkeit, Erfolg und Misserfolg, vor allem aber um die Welt des Theaters. Hier messen sich Wahlverwandte. 1914 hat Mrs. Campbell bei der Uraufführung von „Pygmalion“ Eliza Doolittle gespielt. Die Premiere in London: ein Triumph. Mit Ausbruch des Krieges aber verblasste der Ruhm der Schauspielerin. Die zumindest platonische Affäre des Dramatikers mit der Diva hielt an, bis kurz vor ihrem Tod 1940, selbst nachdem sie eine zweite Ehe eingegangen war. Auch Shaw war verheiratet.

Eine Hommage an die verstorbenen Eltern

Inzwischen ist Shaws Ruhm ebenfalls im Verblühen, doch bei „Dear Liar“ kann man noch immer seine Faszination nachempfinden. Und es gibt zudem einen nostalgischen Grund, die Aufführung in Wien zu besuchen. Bereits 1963 wurde Kiltys Stück von Vienna’s English Theatre gegeben, damals noch im Palais Erzherzog Karl. Ruth Brinkmann, die damals mit ihrem Mann Franz Schafranek das Theater gegründet hatte, spielte die Hauptrolle, über viele Jahre, mit Stars wie Anthony Steel, Peter Wyngarde oder John Harwood. Theaterdirektorin Julia Schafranek ehrt nun ihre verstorbenen Eltern mit einem gut gemachten Revival. Diese Komödie hat Witz und Hintersinn. Voller Charme spielt Leslie, zynisch und verliebt zugleich zeigt sich Derrington. Melodisch gehen beide mit der Sprache um – wie in der guten alten Zeit.

NORBERT MAYER
17.09.2013
 

Wiener Zeitung


Nobelpreis-Romanze zum Jubiläum des English Theatre

Es sorgt schon für Gänsehaut, intime Korrespondenz von anno dazumal zu sehen. Wenn es sich dann noch um den Briefwechsel zwischen dem irischen Nobelpreisträger George Bernard Shaw und seiner Angebeteten, der Schauspielerin Mrs Patrick Campbell, handelt, dann sind das die idealen Voraussetzungen, ein großes Theater abzufeiern.

Das Vienna’s English Theatre – übrigens das älteste englischsprachige Theater Europas außerhalb Großbritanniens – begeht heuer nicht nur seine bereits 50. Saison, es feiert diese auch mit genau jenem Stück, mit dem das Theater 1963 eröffnet wurde.

Emotionale Achterbahn von Bewunderung bis Eifersucht
“Dear Liar” ist die Inszenierung des Briefwechsels zwischen Shaw und Campbell. Dieser reicht von der Jahrhundertwende in England bis hin zu Campbells Tod in Frankreich. Dazwischen liegt eine Entwicklung, die bei wechselseitiger beruflicher Bewunderung beginnt, sich zu Liebeserklärungen steigert bis hin zu dramatischen Szenen der Eifersucht.

Die beiden Schauspieler Moir Leslie und Richard Derrington bringen die Schreiben derart lebendig auf die Bühne, dass sich der Zuschauer unwillkürlich mit der Vergänglichkeit der Zeit konfrontiert sieht. Gleichzeitig ist das Werk ein Stück Literaturgeschichte, bei der hautnah mitverfolgt werden kann, wie Shaw unter teils widrigen Umständen seinen “Pygmalion” mit Campbell in der Hauptrolle als Eliza Doolittle zur Aufführung brachte. Berührend.

Alexander Mathé
09.10.2013