A DOLL’S HOUSE, PART 2

by Lucas Hnath
28 Feb - 8 April 2022
 
 

DER ONLINE MERKER


Jeder kennt „Nora“, ist Ibsens Heldin doch eine der berühmtesten Figuren der Theatergeschichte. Hausfrauchen, Mutter dreier Kinder und Spielzeug für ihren Gatten. Man weiß, wie es ausging: Sie fühlt sich unverstanden, in ihrem Wert nicht erkannt, dreht sich um und geht. Es ist heute nicht mehr vorstellbar, welchen Skandal dieses 1879 geradezu undenkbare weibliche Verhalten damals erregte…

Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hat, darüber hat sich schon Elfriede Jelinek den Kopf zerbrochen und die arme Nora in die Fabrik geschickt. Auch der amerikanische Autor Lucas Hnath denkt die Geschichte weiter, ist allerdings freundlicher zu ihr. Die Nora, die 15 Jahre nach ihrem Abgang wieder im Haus ihres ehemaligen Gatten Torvald Helmer steht, ist eine klassische Emanze geworden, die in ihren Büchern die Frauen ermutigt, aus ihren unbefriedigenden Ehen auszubrechen. Was auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht besonders erfreut aufgenommen wird, zumal von der offiziellen Männerwelt.

In Vienna’s English Theatre steht die neue Nora nun auf der Bühne und findet wenig Verständnis: nicht bei Anne Marie, ihrer alten Kinderfrau, die nach ihrem Verschwinden die drei verlassenen Kinder aufgezogen hat; nicht bei Torvald, der ziemlich empört ist, wie Nora ihn in einem Schlüsselroman darstellt, Und am allerwenigsten bei ihrer etwa 18jährigen Tochter Emmy, die die „fortschrittlichen“ Ansichten der Mutter gar nicht teilt und eine konventionelle Ehe will.

Lucas Hnath hat der Nora „15 Jahre danach“ einige originelle Aspekte gegeben. Sie kommt, weil sie festgestellt hat, dass der Gatte keineswegs die Scheidung durchgezogen hat, wie sie meinte (was ihr einige legale Schwierigkeiten bereitet). Dass er die Umwelt in dem Glauben ließ, die verschwundene Gattin sei tot, ist auch eine Pointe. Am stärksten überzeugt allerdings die Haltung der Tochter, die dem mütterlichen Abgang von einst ohne die geringste Sentimentalität gegenüber steht. (…)

Natürlich macht Regisseur Ken Alexander in der schlichten Ausstattung von Vernon Marshal durchaus anregendes Boulevard-Theater daraus, wobei die Pointen vor allem bei dem Auftritt der Tochter fliegen: Kaum zu glauben, dass es für Eleni McDonald als Emmy ihr Debut-Abend auf dem Theater war, so souverän wusch sie der Mutter den Kopf. Das ist allerdings die einzige Stelle, wo Adrienne Ferguson als Nora sprachlos wird, im übrigen verteidigt sie ihre Weltanschauungen souverän – und zur Not auch handgreiflich gegen den hier etwas knieweichen Gatten, den Howard Nightingall so sympathisch macht. Um einiges netter als bei Ibsen ist Torvald schon geworden. Dazu kommt noch Kathy Tanner, die der neuen Nora mit begreiflicher Skepsis gegenüber steht.

Viel Applaus für einen Abend, der auch den nicht zu unterschätzenden Vorteil hatte, etwas Neues zu bieten (das Originalstück kam erst 2017 am Broadway heraus).

Renate Wagner
02.03.2022
 

WIENER ZEITUNG


IBSEN-FORTSCHREIBUNG:
Was blieb vom Puppenheim?
Vienna’s English Theatre spinnt Ibsens “Nora” weiter.

Nora kehrt zurück. Sie klopft an die Tür, durch die sie 15 Jahre zuvor aus Selbstachtung Torvald Helmer verlassen hat. Im Vienna’s English Theatre knüpft das Drama “A Doll’s House, Part 2” des Amerikaners Lucas Hnath an Ibsen an.

Das “Puppenheim” ist keines mehr. Kahle Wände, von denen die Bilder der Vergangenheit entfernt wurden, die Kinder sind bis auf die junge Emmy aus dem Haus. Nora wird von ihrer einstigen Kinderfrau Anne Marie empfangen, die auch Noras Sprösslinge aufgezogen hat.

Fortsetzungen zu Meisterwerken der Literatur können Autoren rasch bekannt machen, werfen aber meist auch Fragen auf. Was aus Nora hätte werden können, hat bereits Elfriede Jelinek aufgezeigt, bei Hnath hat sie es als feministische Buchautorin zu Wohlstand gebracht. Was sie von Torvald will und wie das Stück verläuft, sei hier nicht verraten, nur, dass Anne Marie und Emmy die zur Ehefeindin gewordene Nora schonungslos mit gegenteiligen Meinungen konfrontieren.

In Ken Alexanders Inszenierung dieses Konversationsstücks im Stil Ibsens fehlt auch eine Prise Strindberg nicht. Die Bühne ist leer bis auf einige Sessel, deren Stellung und deren Umwerfen die Handlung unterstreichen. Adrienne Ferguson (als selbstbewusste Nora) und Howard Nightingall (als verletzlicher Torvald) wirken wie ein modernes Paar ohne Dialogfähigkeit in alten Kostümen. Eleni McDonald (Emmy) legt einen atemberaubenden Auftritt hin. Kathy Tanner (Anne Marie) beeindruckt durch Menschlichkeit und Mienenspiel. Viel Applaus.

9. März 2022